Leitlinie Parodontitis:

Sind Sie ohne Mikrobiologie auf dem richtigen Weg?

In der aktuellen Leitlinie der DG PARO zur adjuvanten systemischen Antibiotikagabe bei subgingivaler Instrumentierung findet sich in den Hintergrundinformationen u.a. die Aussage, dass die Auswahl keimspezifischer Antibiotika auf Basis von mikrobiologischen Testergebnissen nicht sinnvoll erscheint. Aber ist diese Haltung in Zeiten, in denen antibiotikaresistente Keime auf dem Vormarsch sind, der richtige Weg?

Eine Frau muss sich zwischen einer Straße, die ins Dunkle führt und einer, die ins Helle führt entscheiden.

Antibiotikaresistenzen sind ein reales und immer dringender werdendes Problem. Denn schon heute sterben jährlich ca. 700.000 Menschen an deren Folgen. Wenn diese Entwicklung nicht aufgehalten wird, werden in Zukunft immer mehr bisher gut behandelbare Infektionen tödlich enden. Deshalb sind alle Ärzte dazu aufgerufen, keine unnötigen Antibiotikatherapien durchzuführen und dadurch dazu beizutragen, diese gefährliche Entwicklung aufzuhalten. Das gilt auch für Zahnärzte!

Antibiotikaresistenzen vermeiden

Mit der Gabe von Antibiotika ist immer und unausweichlich die Gefahr verbunden, dass sich weitere Antibiotikaresistenzen bilden. Deshalb ist ein verantwortungsvoller und rationaler Einsatz dieser Medikamente sehr wichtig. Dafür muss:

  • der Einsatz von Antibiotika nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ erfolgen und diagnostisch abgesichert sein.
  • der Wirkstoff gezielt auf die vorhandenen bakteriellen Erreger ausgerichtet sein.
  • ein Antibiotikum mit schmalem Wirkspektrum bevorzugt werden.
  • die Anwendung von Breitspektrumantibiotika oder von Kombinationspräparaten vermieden werden.

Politik und RKI rufen zum Handeln auf

Die Kommission „Antiinfektiva, Resistenz und Therapie“ (ART) des Robert Koch-Instituts hat die Grundsätze zur Antibiotikatherapie zusammengefasst. Dort wird u.a. die Wichtigkeit der mikrobiologischen Testung vor einer Antibiotikatherapie betont, weil „[…] nur bei Kenntnis des ursächlichen Erregers die bestmögliche Therapie durchgeführt werden kann“. Aber auch in der Politik ist diese Botschaft angekommen. Bereits 2015 einigten sich die G7-Gesundheitsminister auf eine Strategie zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen. Darin fordern die Minister, dass „Antibiotika nur zu therapeutischen Zwecken nach individueller Diagnostik verabreicht werden“.

Verantwortung in der Zahnarztpraxis

Die Grundsätze des verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatzes gelten natürlich auch in der Zahnarztpraxis. Dennoch empfiehlt die Leitlinie, zur Behandlung einer Parodontitis pauschal die Kombination von Amoxicillin und Metronidazol einzusetzen. Dabei ist die zusätzliche Gabe von Amoxicillin eigentlich nur notwendig, wenn beim Patienten bestimmte Bakterienspezies wie z.B. A. actinomycetemcomitans vorliegen. Anderenfalls ist meist die alleinige Gabe von Metronidazol ausreichend. Das heißt, durch die mikrobiologisch nicht abgesicherte Verordnung der Kombination von Amoxicillin und Metronidazol werden sehr viele Patienten überbehandelt.

Gezielte Therapie dank Diagnostik

Aber zum Glück lässt die Leitlinie – was die Auswahl des Wirkstoffes angeht – Spielraum: Eine Monotherapie mit Metronidazol wird als Alternative angegeben. Aber wie unterscheidet man die Patienten voneinander, die entweder eine Monotherapie oder eine Kombinationstherapie benötigen? Mit dem bloßen Auge geht das nicht, wohl aber mit mikrobiologischer Diagnostik. Es stimmt zwar, dass man auch ohne mikrobiologische Diagnostik gute klinische Ergebnisse erzielen kann. Das ist aber nur ein Aspekt, der bei einer Antibiotikagabe beachtet werden muss. Denn sonst schlägt man einen Weg ein, der langfristig dazu führen kann, dass lebensrettende Medikamente ihre Wirkung verlieren.