Lokalantibiotika in der Therapie von Parodontalerkrankungen

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: der größte Vorteil einer systemischen Gabe von Antibiotika im Verlauf einer Parodontalbehandlung besteht darin, dass bei einfacher Applikation eine maximale Verteilung des Wirkstoffs, v.a. im parodontalen Weichegewebe erzielt werden kann. Zu den Nachteilen dieser Darreichungsform gehört jedoch, dass auch eine Reihe von Nebenwirkungen wie Arzneimittelunverträglichkeiten, gastrointestinale Beschwerden, etc. in Kauf genommen werden müssen.

Eine Alternative zur systemischen Antibiotikagabe ist die Verwendung von Lokalantibiotika. Hierbei wird der Wirkstoff mit Hilfe eines Medikamententrägers in die Parodontaltasche eingebracht und somit direkt am Ort des Geschehens abgegeben. Hierbei führt allerdings die Sulkusflussrate zu einer raschen Ausspülung des Wirkstoffs aus der Tasche. Daher sind nur Medikamententräger, die eine kontinuierliche Freisetzung des Antibiotikums ermöglichen, in der Lage eine anhaltende Hemmstoffkonzentration im Sulkus aufrechtzuerhalten. In der Praxis haben sich dabei vor allem biologisch abbaubare Trägermaterialien bewährt, da diese nicht in einem erneuten Eingriff wieder entfernt werden müssen.

Lokalantibiotika haben, verglichen mit systemischen Präparaten, zumeist geringere Nebenwirkungen und es lassen sich deutlich höhere Wirkstoffkonzentrationen am Ort des Bedarfes erzielen. Allerdings ist die Applikation von Lokalantibiotika im Vergleich zu systemischen Antibiotikagaben deutlich aufwändiger und verursacht zudem höhere Kosten.
In der Praxis empfiehlt sich daher die Anwendung von Lokalantibiotika vor allem für die Therapie isolierter Defekte sowie refraktärer Resttaschen nach positiver Keimanalyse (Einzelstellenanalyse mit micro-IDent® und micro-IDent®plus).

Der Hintergrund

Seit der Entdeckung der Antibiotika sind viele Versuche unternommen worden, Parodonalerkrankungen durch antimikrobielle Substanzen zu behandeln, die direkt in die Parodontaltasche eingebracht werden. Diese reichen von einfacher Taschenspülung, über das Einträufeln von antibiotikahaltigen Salben und Gels, bis zur Entwicklung so genannter „local delivery devices“ (LDD) für die kontinuierliche Freisetzung antibakterieller Wirkstoffe in die Parodontaltasche. Damit diese Art der Therapie erfolgreich sein kann, muss die antibakterielle Substanz nicht nur den gesamten erkrankten Bereich erreichen, sondern sie muss zusätzlich in einer ausreichend hohen lokalen Dosis während einer hinreichend langen Zeit auf die Bakterien einwirken können. Mundspüllösungen erfüllen diese Bedingungen nicht, da sie den Fundus einer Tasche nicht erreichen. Während die Substanzen in eine Parodontaltasche eingeträufelt, erfahren sie in kürzester Zeit eine Verdünnung durch die Sulkusflüssigkeit. Selbst eine hochkonzentrierte Substanz wird innerhalb weniger Minuten auf eine unwirksame Konzentration herunterverdünnt. Um eine bakterizide Wirkung länger aufrecht zu erhalten, muss dem Auswaschungseffekt durch eine stetige Zufuhr des Medikaments aus einem Reservoir begegnet werden. In Anbetracht des kleinen Volumens der Parodontaltasche einerseits und des hohen Gewebstonus des Parodonts andererseits, erscheint es unwahrscheinlich, dass diese Resevoirfunktion von einem Medium erfüllt werden kann, dass nicht als physikalisch fester Gegenstand in die Tasche eingesetzt wird. Salben und Gels werden innerhalb weniger Stunden vollständig in einer behandelten Parodontaltasche metabolisiert.
Die lokale Applikation ohne eine Trägersubstanz, die eine kontrollierte Antibtiotikagabe sicherstellt, erlaubt keine standardisierte Freisetzung des Antibiotikums und kann die Entwicklung von Resistenzen begünstigen. Deshalb werden heute resorbierbare Trägersubstanzen, die eine ausreichende Konzentration des Antibiotikums in der Tasche über mehrere Tage sicherstellen, bevorzugt (Zafiropoulos et al. 2006).

Einige Informationen zu beispielhaften Lokalantibiotika:

Ligosan®Slow Release (Heraeus Kulzer)

  • Lokalantibiotikum für die adjuvante Therapie chronischer und aggressiver Parodontitis zur Ergänzung der konventionellen, nicht-chirugischen Standardtherapie ab einer Taschentiefe von > 5mm
  • 14%-iges Doxycyclin wird nach einmaliger Applikation aus einer biologisch abbaubaren Hydrogel-Matrix über mindestens 12 Tage kontinuierlich freigesetzt
  • Erfassung der relevanten parodontalpathogenen Leitkeime bei zusätzlicher anti-inflammatorischer Wirkung

Elyzol-Dental-Gel (Colgate-Palmolive GmbH) (vorübergehend nicht im Handel erhältlich)

  • Das Elyzol-Dental-Gel enthält ein Antibiotikum mit besonders guter Wirkung gegen die Erreger von Entzündungen im Bereich des Zahnfleischs und des Zahnhalteapparates. 
  • 250 mg Metronidazol sowie Glycerin und Sesamöl zu 1g in Zylinderampullen
  • Zweimalige Applikation im Abstand von 1 Woche
  • Hochviskoses, adhärentes, biologisch-abbaubares Gel
  • Starker Konzentrationsabfall unmittelbar nach Applikation

Arestin (OraPharma) (nicht mehr im Handel erhältlich)

  • Arestin 1 mg wird angewendet zur lokalen Behandlung der chronischen Parodontitis bei Erwachsenen mit einer Zahnfleischtaschentiefe ab 5 mm.
  • Minocyclin in Kügelchen aus biologisch abbaubarem Polyglycolid-co-DL-Lactid in Applikationskanüle
  • Wirkstoff wird bei Hydrolyse der Microspheren sukzessive freigesetzt und über mehr als 14 Tage über der MHK gehalten