Wann ist die Analyse des subgingivalen Keimspektrums sinnvoll?

Eine Markerkeimbestimmung ist vor allem in solchen Fällen und dann sinnvoll, wenn eine herkömmliche Therapie nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat oder die Klinik Komplikationen vermuten lässt.

Im Allgemeinen gilt:

  • Bei Parodontalerkrankungen mit Taschentiefen > 4 mm
  • Bei therapieresistenter, chronischer Parodontitis
  • Bei aggressiven, rasch verlaufenden Parodontitis-Formen
  • Bei periimplantären Infektionen
  • Vor umfangreichen Implantversorgungen
  • Vor und während regenerativer Therapie 

Wann ist die Analyse des subgingivalen Keimspektrums sinnvoll?
Der praktisch tätige Zahnarzt wird unweigerlich mit dieser Frage konfrontiert werden, muss er doch die Diagnostik im Labor anfordern und dabei auch berücksichtigen, dass sie derzeit noch nicht als generelle Kassenleistung anerkannt ist. Wichtig ist die Erfassung der parodontopathogenen Keime nach Pfister & Sigusch (2007) bei folgenden Indikationen:

1. Aggressive Parodontitis
Der Nachweis von Aggregatibacter actinomycetemcomitans dient als Kriterium für die mögliche Progression der Erkrankung. Die Therapie muss auf die Eliminierung dieses Erregers ausgerichtet sein und kommt ohne Antibiotikagabe nicht aus. Dabei ist für die Wahl des Antibiotikums wichtig zu wissen, ob Aa vorhanden ist oder nicht. Möchte man z.B. die Therapie mit der Kombination Amoxicillin/Metronidazol (van Winkelhoff-Cocktail) wegen der relativ hohen Nebenwirkungsrate bzw. Toxizität vermeiden, so bietet sich bei alleinigem Nachweis von Aa auch eine Monotherapie mit Amoxicillin an.
Das heißt, die mikrobiologische Untersuchung sollte am Beginn der komplexen Parodontitistherapie stehen sowie auch als Therapiekontrolle zur Bestätigung der Eradikation von Aa durchgeführt werden.

2. Vor Beginn einer Antibiotikatherapie
Der Einsatz von Antibiotika sollte aus mikrobiologischer Sicht niemals blind verlaufen. Die Kenntnis des Erregerspektrums ist für die Wahl des einzusetzenden Antibiotikums wichtig. Der Nachweis von Porphyromonas gingivalis (Pg), Tannerella forsythia (Tf) oder Treponema denticola (Td) erlaubt z.B. den Einsatz von Metronidazol oder von Doxycyclin in Monotherapie ohne wiederum auf nebenwirkungsreichere Kombinationen angewiesen zu sein.

3. Therapierefraktäre Parodontitis
Hierbei können aus der Kenntnis des vorhandenen Keimspektrums unter Umständen Rückschlüsse auf das Nichtansprechen der therapeutischen Bemühungen gezogen werden. Hierbei sollte aber nach Möglichkeit ein Test eingesetzt werden, der nicht nur die wichtigsten parodontopathogenen Markerkeime, sondern darüber hinaus auch noch ein weiteres Spektrum an möglicherweise für dieses Ergebnis bedeutsamen Spezies erfasst. Hierfür bieten wir Ihnen das erweiterte diagnostische Spektrum des micro-IDent®plus-Tests.

4. Beurteilung der Rekolonisierung nach angeschlossenen Parodontitisbehandlung
Die Betreuung der Parodontitis-Patienten erfordert die Kontrolle in regelmäßigen zeitlichen Abständen im Recall. Hierbei ist es wichtig, zu wissen, ob eine Rekolonisierung der pathogenen Flora erfolgt ist. Bekanntlich geht dieser Rekolonisierung der Verschlechterung der klinischen Parameter (Taschentiefe, Attachmentverlust) voraus.

5. Periimplantitis
Bei dieser Erkrankung sollte zunächst die infektiöse Ursache festgestellt werden, bevor eine spezifisch antimikrobiell ausgerichtete Therapie eingeleitet wird. Da bisherige Studien zeigen, dass prinzipiell das gleiche Spektrum parodontopathogener Keime als Ursache wie bei der Parodontitis verantwortlich, sind auch hier die Testsysteme micro-IDent® und micro-IDent®plus für die mikrobiologische Erregerdiagnostik geeignet.

6. Kenntnis der parodontopathogenen Flora für eine individuelle Therapientscheidung
Unabhängig von den oben genannten Indikationen kann die Kenntnis der parodontopathogenen Flora bei Parodontitis vor Behandlungsbeginn zu einer individuell abgestimmten komplexen zahnärztlichen Therapie führen.
Nikola Rahmé

Das Testergebnis dient somit 

Als Entscheidungshilfe für die Behandlungsstrategie:   Das Ergebnis gibt Auskunft darüber, ob eine rein instrumentelle Behandlung (SRP) ausreichend ist um die Infektion zu beherrschen oder ob Bakterien vorhanden sind, die eine begleitende Antibiotikatherapie erforderlich machen.
     
Zur Auswahl eines geeigneten Antibiotikums:   Nur die detaillierte Kenntnis des Erregerspektrums ermöglicht die Auswahl eines Antibiotikums, dass die individuell vorhandenen parodontopathogenen Bakterien sicher eliminiert, dabei die benefizielle Flora aber möglichst unbeeinflusst lässt.
     
Zur Dokumentation des Behandlungserfolges:   Eine Kontrollanalyse nach Durchführung der initialen Behandlungsmaßnahmen aus mechanischen Therapieformen und, falls erforderlich, adjuvanten Antibiotikagaben ist sinnvoll und angeraten. So kann ermittelt werden, ob das vorliegenden Keimspektrum erfolgreich behandelt werden konnte und der Patient ins Recall entlassen werden kann, oder ob weitere Behandlungsmaßnahmen erforderlich sind.
     
Zur Früherkennung von Reinfektionen im Recall:   Während der Recallphase helfen regelmäßige mikrobiologische Analysen dabei eine Reinfektion frühzeitig zu erkennen. Patienten mit einem positiven Testergebnis sollten bis zur erneuten Keimelimination dann wieder der aktiven Behandlung zugeführt werden.
     
Zur Risikoabschätzung vor Implantationen:   In der Implantologie ist eine Analyse der Subgingivalflora besonders vor umfangreichen, finanziell aufwendigen Sanierungen sinnvoll. Bei einem positiven Testergebnis sollte immer erst die gezielte Keimelimination erfolgen, bevor mit der Implantation begonnen wird um einem Implantatsverlust vorzubeugen. Ist eine Periimplantitis bereits etabliert, dient die Testung der Auswahl eines adäquaten Antibiotikums für die zielgerichtete Therapie.
     

Literatur:
Prof. Dr. med. Wolfgang Pfister & Priv.-Doz. Dr. Bernd W. Sigusch (2007): Mikrobiologische Diagnostik in der Parodontologie - Moderne Möglichkeiten und Sinnhaftigkeit für die zahnärztliche Praxis. Dentalhygiene-Journal 1/2007.